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Die letzte Kerze vor dem Weltuntergang

  • christophmatthes86
  • 14. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Dieser Beitrag wurde inspiriert von Gedanken aus der Predigt von Bischof Dr. Ulrich Neymeyr zur 70. Männerwallfahrt 2026 im Klüschen Hagis. Nicht als Abschrift. Sondern als Weiterdenken. Als Widerspruch. Als Zustimmung. Als Spiegel. Und vielleicht auch als unbequeme Frage an mich selbst.


Neulich hat mich jemand gefragt, warum ich noch in die Kirche gehe.


Dieses „noch“ war vermutlich das eigentlich Interessante an diesem Satz.


Nicht die Kirche.

Nicht mein Glaube.

Nicht einmal ich.


Sondern dieses kleine, beiläufige „noch“, das klingt, als wäre Hoffnung mittlerweile etwas für nostalgische Sonderlinge geworden. So wie Faxgeräte, Röhrenfernseher oder Menschen, die sich im Supermarkt tatsächlich noch Zeit lassen, um jemanden vorzulassen.


Dieses „noch“ klang nicht einmal böse. Eher überrascht. Fast irritiert. Als hätte ich erzählt, dass ich meine Nachrichten noch mit Brieftauben verschicke oder freiwillig ohne WLAN lebe.


Und ehrlich gesagt verstehe ich die Frage sogar.


Denn es reicht mittlerweile wirklich ein einziger Abend Tagesschau, um zu verstehen, warum Menschen entweder anfangen zu beten oder anfangen, völlig durchzudrehen.


Einmal kurz durch die Schlagzeilen scrollen. Einmal fünf Minuten unter einem Facebook-Beitrag lesen. Einmal irgendwo die Kommentare unter einem Bericht über Wärmepumpen, Flüchtlinge, Gendern, Israel, Corona oder Windräder öffnen — und plötzlich versteht man, warum manche Menschen innerlich einfach nur noch schreien wollen.


Nicht unbedingt aus Frömmigkeit.


Sondern aus Selbstschutz.


Denn wir leben inzwischen in einer Gesellschaft, die sich morgens „Guten Morgen“ wünscht und mittags im Internet diskutiert, welche Bevölkerungsgruppe jetzt endgültig schuld am Untergang Europas ist.


Eine Gesellschaft, in der jeder ständig von Meinungsfreiheit redet, aber eigentlich nur die eigene Meinung meint.


Eine Gesellschaft, in der Menschen sich für unfassbar kritisch halten, weil sie grundsätzlich gegen alles sind.


Deutschland ist mittlerweile das Land der Dauerempörung geworden.


Wir regen uns über alles auf. Über Politiker. Über Klimakleber. Über Veganer. Über SUVs. Über Ausländer. Über die Bahn. Über das Wetter. Über zu wenig Regen. Drei Tage später über zu viel Regen. Und wenn gerade nichts passiert, regen wir uns vorsorglich über Dinge auf, die vielleicht irgendwann passieren könnten.


Das ist eine beeindruckende Form gesellschaftlicher Effizienz.


Irgendwo sitzen Menschen beim Frühstück und glauben ernsthaft, der Untergang des Abendlandes beginne heute ausgerechnet im Netto an Kasse drei, weil dort jetzt plötzlich Hafermilch neben der Vollmilch steht.


Und das Verrückte ist ja: Alle behaupten gleichzeitig, gegen Spaltung zu sein.


Während sie den nächsten Graben ausheben.


Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem unserer Zeit: Dass wir verlernt haben, Unterschiede auszuhalten.


Früher stritt man darüber, ob Bayern oder Dortmund besser ist. Heute darüber, ob jemand noch Fleisch isst, Lastenrad fährt oder ein Gendersternchen benutzt.


Früher war ein Nachbar einfach ein Nachbar.


Heute wird erstmal geprüft, ob er politisch noch tragbar ist.


Wir sortieren Menschen mittlerweile schneller aus als Altkleider.


Links.

Rechts.

Woke.

Schlafschaf.

Boomer.

Gutmensch.

Elite.

Nazi.


Es gibt kaum noch Menschen.


Nur noch Kategorien.


Und wehe jemand passt in keine davon hinein. Das macht Menschen heute fast verdächtiger als jede klare Haltung.


Vielleicht ist genau deshalb diese uralte kirchliche Formulierung so unbequem geworden: „Dein Wille geschehe.“


Denn wenn ich ehrlich bin, wollen wir doch meistens genau das Gegenteil.


Wir wollen, dass unser Wille geschieht. Unsere Moral. Unsere Wahrheit. Unsere politische Haltung. Unsere Empörung.


Und wehe jemand widerspricht.


Dann wird nicht mehr diskutiert.


Dann wird etikettiert.


Dabei war Demokratie nie dafür gedacht, dass alle dieselbe Meinung haben. Demokratie bedeutet eigentlich nur, Unterschiede auszuhalten, ohne sich gegenseitig vernichten zu wollen.


Das Problem ist nur: Geduld verkauft sich schlecht.


Hysterie klickt besser.


Deshalb leben wir mittlerweile in einer Welt, in der die lautesten Menschen automatisch als die mutigsten gelten.


Dabei sind viele einfach nur laut.


Und während sich Menschen gegenseitig anschreien, sitzt irgendwo eine ältere Frau still in einer Kirche, zündet eine Kerze an und hofft einfach nur, dass ihr dementer Bruder sie morgen noch erkennt.


Vielleicht ist das am Ende sogar die größere Stärke.


Nicht dieses ewige öffentliche Haltungstheater.


Sondern das stille Durchhalten.


Denn die meisten Menschen kämpfen keine ideologischen Schlachten. Sie kämpfen gegen Einsamkeit. Gegen Angst. Gegen Krebs. Gegen Überforderung. Gegen steigende Preise. Gegen schlaflose Nächte. Gegen die Sorge, irgendwann bedeutungslos zu werden. Gegen das Gefühl, nicht mehr mitzukommen in einer Welt, die immer schneller, lauter und aggressiver wird.


Gerade deshalb wirkt diese permanente Untergangsstimmung mittlerweile fast luxuriös.


Natürlich gibt es Probleme. Große sogar. Marode Schulen. Zu wenig Lehrer. Überforderte Behörden. Schwierige Migration. Kriege. Wohnungsmangel. Eine Wirtschaft, die nervös wirkt wie ein Praktikant am ersten Arbeitstag. Menschen, die Angst vor sozialem Abstieg haben. Menschen, die sich abgehängt fühlen. Menschen, die sich nicht mehr verstanden fühlen.


Aber gleichzeitig leben wir in einem Land, in dem Menschen mit einem 1.200-Euro-Smartphone in der Hand erklären, dass früher alles besser gewesen sei, während sie Bio-Kaffee trinken und sich darüber beschweren, dass der Lieferdienst heute sieben Minuten länger gebraucht hat.


Vielleicht ist genau das unser eigentlicher Wohlstand: Dass wir genug Sicherheit besitzen, um uns permanent über Kleinigkeiten aufzuregen.


Und ja. Das klingt provokant.


Ist aber nicht falsch.


Denn wer wirklich Krieg erlebt hat, diskutiert selten aggressiv über genderneutrale Durchsagen bei der Bahn.


Was dabei zunehmend verloren geht, ist Dankbarkeit.


Nicht diese kitschige Kalender-Dankbarkeit mit Sonnenuntergangssprüchen aus irgendeinem Coaching-Instagramprofil.


Und auch nicht dieses toxische „Du musst einfach positiv denken.“


Sondern echte Dankbarkeit.


Für Frieden. Für Freiheit. Für Menschen, die bleiben. Für einen Körper, der noch funktioniert. Für Gesundheit. Für einen Ort, an dem man abends ankommen darf.


Vielleicht gehe ich genau deshalb noch in die Kirche.


Nicht weil ich glaube, dort perfekte Menschen zu finden.


Davon hat sich diese Institution selbst ziemlich eindrucksvoll verabschiedet.


Sondern weil dort wenigstens manchmal noch jemand zugibt, dass Menschen Fehler machen.


Große sogar.


Während draußen alle gleichzeitig Richter sein wollen.


Immer wieder wird mir die Kirche um die Ohren gehauen. Missbrauch. Vertuschung. Schuld.


Zu Recht.


Ohne Frage.


Aber was mich zunehmend irritiert, ist die Selektivität dieser Empörung.


Denn dieselben Menschen, die laut fragen, wie so etwas in der Kirche möglich war, schauen im eigenen Sportverein, Karnevalsverein, Kirmesverein, Freundeskreis oder am Arbeitsplatz erstaunlich konsequent weg.


Dort heißt es plötzlich: „So schlimm wird’s schon nicht sein.“ „Der meint das doch nicht so.“ „Man will ja niemandem etwas kaputtmachen.“ „Darüber redet man nicht.“


Genau dort beginnt das Problem.


Nicht erst im Missbrauch.


Sondern lange vorher.


Im Schweigen.

Im Wegsehen.

Im Schutz der Falschen.


Vielleicht hatte Pfarrer Markus Könen recht, als er sinngemäß sagte, dass die Welt nicht schlecht wird, weil Institutionen schlecht sind, sondern weil Menschen schlecht handeln.


Und vielleicht gilt genau das auch für die Kirche.


Die Kirche ist nicht kaputt gegangen, weil Priester Menschen sind.


Sie ist dort kaputt gegangen, wo Menschen ihre Macht missbraucht haben — und andere Menschen weggesehen haben.


Genau wie überall sonst auch.


Denn Missbrauch trägt keine Soutane.

Manchmal trägt er Trainingsanzug.

Oder Vereinsjacke.

Oder Anzug und Krawatte.

Oder einfach ein freundliches Gesicht.


Vielleicht liegt genau darin das eigentlich Tragische unserer Zeit: Dass wir Haltung mittlerweile häufiger posten als leben.


Wir teilen Solidarität in Storys. Aber nicht mehr im echten Leben.


Wir liken Betroffenheit. Aber klingeln selten beim einsamen Nachbarn.


Wir diskutieren stundenlang über Menschlichkeit. Aber verlieren sie im Straßenverkehr oder am Parkscheinautomat vollständig.


Vielleicht braucht diese Gesellschaft deshalb gar nicht mehr Ideologien.


Sondern weniger.


Weniger Erlöser.

Weniger Weltuntergang.

Weniger Dauerempörung.

Weniger Menschen, die permanent erklären, wer schuld ist.


Und stattdessen mehr Menschen, die einfach anfangen, Verantwortung zu übernehmen.


Für ihren Ton.

Für ihre Worte.

Für ihre Umgebung.

Für ihre Angst.

Für ihr eigenes Handeln.


Denn vielleicht beginnt Hoffnung gar nicht im Himmel.


Sondern genau dort.


Zwischen einem ehrlichen Gespräch. Einer Kerze. Einem stillen Gebet. Oder einfach in dem Moment, in dem jemand aufhört zu schreien.


Und vielleicht ist das am Ende sogar der eigentliche Widerstand unserer Zeit: Nicht hysterisch zu werden, obwohl die Welt es pausenlos versucht.


Vielleicht ist Hoffnung heute keine romantische Tugend mehr. Sondern eine Form von Trotz. Die letzte Kerze vor dem Weltuntergang. Und vielleicht reicht genau die schon aus.

 
 
 

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