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Der leichte Weg

  • christophmatthes86
  • 9. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

Manche Menschen glauben, Leichtigkeit sei ein Zustand.

So etwas wie ein All-inclusive-Hotel der Seele. Keine Sorgen. Keine Konflikte. Kein Streit vor der Abfahrt. Keine Rechnungen. Keine Erwartungen. Keine schweren Gedanken zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich lieben sollten. Und am besten WLAN nur für gute Nachrichten.


Ich glaube inzwischen, Leichtigkeit ist etwas völlig anderes.


Vielleicht entsteht sie nicht nach der Schwere.

Sondern mitten in ihr.


Der Rennsteig war voll davon.


Von Menschen, die freiwillig zig Kilometer durch Matsch, Schmerzen und Selbstzweifel laufen und dabei aussehen, als hätten sie gerade den Sinn des Lebens gefunden. Wahrscheinlich haben sie ihn kurz gefunden. Zwischen Verpflegungsstelle drei und Blase sieben.


„Einmal Rennsteig, immer Rennsteig“, stand auf einem Shirt.

Früher hätte ich darüber geschmunzelt. Heute verstehe ich es.


Denn dieser Lauf ist eigentlich ein Gottesdienst.

Nur ehrlicher.


Menschen pilgern gemeinsam durch Erschöpfung, reden mit Fremden über Knieprobleme wie andere über Bibelverse oder Bütten-Pointen und lernen Demut spätestens auf dem letzten Drittel der Strecke oder am Wanderparkplatz mit zu kleinen Schuhen. Der Unterschied zwischen Laufen und Religion ist vermutlich nur die Musik am Streckenrand. Wobei manche Chöre auf Kirchentagen ebenfalls fragwürdige Tempowechsel haben.


Und irgendwo zwischen Buchen, Fichten, Tannen, silberklaren Bächen und Menschenmassen fiel mir ein Gedanke in den Kopf: Vielleicht haben wir Leichtigkeit völlig falsch verstanden.


Wir behandeln sie wie eine Belohnung.

Nach dem Erfolg.

Nach der Heilung.

Nach der Wahrheit.

Nach der perfekten Beziehung.

Nach dem perfekten Körper.

Nach dem perfekten Leben, das erstaunlicherweise nie eintritt.


Vielleicht liegt genau darin das Problem unserer Zeit. Dass wir jede Form von Schwere sofort therapieren, optimieren, medikamentieren, wegswipen oder mit Motivationstipps zukleistern wollen, bis bloß niemand mehr spürt, wie schwer Leben manchmal tatsächlich ist. Dabei laufen die leichtesten Menschen oft mit den schwersten Rucksäcken herum.


Vielleicht besteht Reife nicht darin, keine Last mehr zu tragen. Sondern darin, sie zu tragen, ohne dabei bitter zu werden.


Jesus sprach ständig von Lasten. Interessanterweise aber nie davon, dass Menschen keine hätten. „Mein Joch ist sanft“, sagte er. Nicht: „Es existiert keins.“ Religion wurde später daraus oft ein Wettbewerb im besonders-fromm-Leiden. Möglichst traurig schauen, damit der Himmel merkt, dass man sich Mühe gibt. Dabei wirken viele Heilige rückblickend erstaunlich leicht. Vielleicht weil sie verstanden hatten, dass Humor manchmal mehr Glaube ist als Verbissenheit.


Vielleicht ist genau das der Grund, warum Karneval, Pilgern, Rennsteiglauf und Religion sich ähnlicher sind, als viele denken. Menschen suchen für einen kurzen Moment etwas, das größer ist als der Alltag. Eine Unterbrechung der Schwere. Kein Weglaufen. Eher ein kurzes Durchatmen zwischen zwei Kapiteln.


Und vielleicht ist Hoffnung am Ende nichts anderes als die Entscheidung, trotz allem den nächsten Schritt zu gehen.


Mit schmerzenden Knien.

Mit Chaos im Kopf.

Mit Fragen ohne Antworten.

Mit einer Sehnsucht, die man nicht mal sich selbst vollständig erklären kann.


Aber eben trotzdem.


Vielleicht ist Leichtigkeit also gar nicht das Gegenteil von Schwere – sondern ihre Begleiterin bzw. der kleine Flügel, der verhindert, dass wir unterwegs vollkommen abstürzen.

 
 
 

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