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Das leise Wunder, das wir nicht sehen wollen

  • christophmatthes86
  • 16. Nov. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es klingt unbequem, aber: Uns fehlt nicht der Grund zum Optimismus – uns fehlt der Leichtsinn, ihn überhaupt zuzulassen.

 

Wir reden uns ein, die Lage im Land sei „so schlecht wie noch nie“. Doch dieses Gefühl liegt nicht an der Realität, sondern an unserem Mut, vergangene Erfolge ehrlich zu betrachten – und zwar mit einem echten Blick, kein nostalgisch weichgezeichneter. Damals wurde unfassbar viel gearbeitet. Menschen haben sich sprichwörtlich kaputtgeschuftet. Arbeitszeiten jenseits des Zumutbaren, Bedingungen zum Davonlaufen. Die Generation davor? Traumatisiert, tabusiert, verdunkelt von Krieg und Schuld. Wer aus solchen Zeiten aufsteht, der muss es besser machen – und genau so entstand das Wunder, das wir noch heute verklären.

 

Und heute?Wir arbeiten so wenig wie keine Generation vor uns. Wir leben länger, gesünder, bequemer. Der Glücksatlas zeigt seit Jahren nach oben, und zwar deutlich – auch im Vergleich zur vermeintlich „goldenen Zeit“. Die wöchentliche Arbeitszeit sinkt, Automatisierung übernimmt, was früher schweißtreibend war. Der Rasen mäht sich selbst. Die Spülmaschine denkt mit. Wir haben mehr Freizeit als je zuvor – und gleichzeitig eine Überforderung wie selten zuvor.

 

Statt sie zu füllen, lassen wir uns füllen:

mit Informationen, die niemand sortieren kann. Wir konsumieren an einem einzigen Tag mehr Informationen als ein mittelalterlicher Bauer in seinem ganzen Leben. Und ja – das hinterlässt Spuren. Wir haben nie gelernt, unser Hirn vor dieser Überflutung zu schützen. Niemand brachte uns bei, wie man mentale Grenzen zieht. Und so entsteht ein Straftatbestand, den es rechtlich (noch) nicht gibt, aber gesellschaftlich längst wirkt: Aufmerksamkeitsraub.

 

Wir holen uns überall kleine Kicks – ein Meme hier, ein Reel dort, ein 9-Sekunden-Witz, der uns kurz grinsen lässt. In der Summe dieser winzigen Reize verlieren wir das große Ganze: Sinn. Halt. Richtung.

Dirk Steffens nennt das hoffnungslos optimistisch.

 

Wir könnten unsere Lage im Land durchaus wohlwollend interpretieren. Es fühlt sich bequemer an, sich kleinzumachen, als sich groß zu denken. So drosselt nicht „das System“ die Eigeninitiative – wir tun es selbst. Wir reden uns so lange ein, wir könnten ein neues Wunder ohnehin nicht erreichen, bis es tatsächlich unmöglich wird. Eine selbst erfüllende Prophezeiung, genährt aus kollektivem Pessimismus.

 

Dabei wäre der Weg aus der Erschöpfung eigentlich klar:

Selbstbefähigung. Selbstvertrauen. Zutrauen – in uns und in die anderen.

Politik, die den Menschen etwas zutraut, statt ihnen etwas zuzumuten.

Menschen, die der Politik etwas vertrauen, statt sie grundsätzlich zu verdächtigen.

Eine Gesellschaft, die sich wieder etwas traut, statt ständig zu fordern: „Wer rettet uns jetzt?“

 

Denn wer Herausforderungen meistert, wird stärker.

Wer Verantwortung übernimmt, wird resilienter.

Wer sich etwas zutraut, erschafft sein eigenes kleines Wunder.

 

Vielleicht brauchen wir gar kein neues Wirtschaftswunder.

Vielleicht reicht ein Vertrauenswunder –

eins, das leise beginnt, in jedem Einzelnen,

und das am Ende genau das auslöst, was wir so lange vermisst haben:

einen leichtsinnigen, unvernünftigen, dringend nötigen Optimismus.

 
 
 

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