Außer Form
- christophmatthes86
- 23. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Vielleicht beginnt Erwachsenwerden nicht damit, endlich „in Form“ zu kommen. Sondern damit, aus den falschen Formen herauszuwachsen.
Das Absurde daran ist ja: Als Kind ist „rausgewachsen“ fast immer etwas Gutes. Die Hose zu kurz. Die Schuhe zu klein. Der Pullover spannt plötzlich an den Armen. Menschen lächeln dann stolz und sagen: „Na schau mal einer an. Du wächst.“
Später klingt derselbe Satz plötzlich wie ein Problem.
„Ich passe da nicht mehr rein.“
Und meistens denken Menschen dabei sofort an Gewicht.
Was eigentlich faszinierend ist. Denn kaum jemand fragt sich noch, ob man vielleicht auch geistig, emotional oder menschlich aus Dingen herausgewachsen sein könnte.
Aus Gesprächen zum Beispiel.
Aus Rollen.
Aus Erwartungshaltungen.
Aus diesem permanenten Schauspiel namens „bloß nicht anecken“.
Ich merke das gerade auf eine ziemlich absurde Weise. Während ich körperlich tatsächlich aus Kleidung herauswachse — allerdings in die andere Richtung — habe ich gleichzeitig das Gefühl, dass ich innerlich aus vielen Dingen herausgewachsen bin, die früher völlig normal wirkten.
Und manchmal fühlt sich genau das viel unbequemer an als jede Zahl auf einer Waage.
Denn Gewicht verlieren Menschen oft sichtbar.
Aber alte Versionen von sich selbst zu verlieren, bemerkt erstmal niemand.
Da sitzt man plötzlich irgendwo zwischen Menschen und merkt, dass man innerlich längst nicht mehr am selben Tisch sitzt.
Nicht aus Arroganz. Nicht, weil man „besser“ geworden wäre. Sondern weil manche Dinge irgendwann einfach zu eng werden.
Gedanken.
Dynamiken.
Dieses ständige künstliche Kleinhalten, damit sich bloß niemand unwohl fühlt.
Früher wollte ich oft dazugehören. Heute frage ich mich manchmal, wie viele Menschen sich täglich verbiegen, nur um noch in irgendwelche Gruppen, Meinungen oder Erwartungsschablonen hineinzupassen wie in eine Jeans, die längst nicht mehr die richtige Größe hat.
Und vielleicht liegt genau darin eines der größten Missverständnisse unserer Zeit.
Dass wir Menschen permanent beibringen, sich anzupassen.
Während fast jede echte Entwicklung zunächst aussieht wie Kontrollverlust.
„Außer Form“ eben.
Dabei ist Wachstum selten elegant.
Nichts wächst ordentlich.
Kinder nicht. Gedanken nicht. Menschen nicht.
Ein Baum entschuldigt sich ja auch nicht dafür, dass seine Wurzeln irgendwann den Gehweg sprengen.
Aber Menschen tun genau das ständig.
Sie entschuldigen sich für Grenzen. Für Veränderung. Für Klarheit. Für Ehrlichkeit. Für Entwicklung.
Und gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, die überall von Selbstoptimierung redet, aber irritiert reagiert, sobald jemand sich wirklich verändert.
Solange Veränderung hübsch aussieht, ist sie willkommen.
Zehn Kilo weniger? Applaus.
Mehr Selbstbewusstsein? Schwierig.
Weniger Toleranz für Respektlosigkeit? „Du hast dich verändert.“
Ja. Natürlich.
Was genau war denn der Plan?
Dass Menschen Erfahrungen sammeln, Schmerzen überstehen, Dinge erkennen — und danach exakt dieselben bleiben wie vorher?
Vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied zwischen „in Form sein“ und „bei sich sein“.
Das eine beschreibt, wie gut man von außen ins Bild passt.
Das andere, ob man sich innen überhaupt noch selbst erkennt.
Und vielleicht ist „rausgewachsen“ manchmal gar kein Verlust.
Sondern nur der Moment, in dem das alte Leben plötzlich sichtbar zu klein wird.
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