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Höhe

  • christophmatthes86
  • 26. März
  • 2 Min. Lesezeit

Neulich bin ich über eine dieser Geschichten gestolpert, die man sofort versteht und gerade deshalb ein bisschen misstrauisch machen.


Ein Adler.

Eine Krähe.


Die Krähe wagt etwas, was sonst keiner tut.

Sie setzt sich auf den Rücken des Adlers.

Hackt.

Stört.

Bleibt.


Unnachgiebig.


Man kennt solche Situationen.

Nicht aus der Tierwelt.


Aus Gesprächen.

Aus Kommentarspalten.

Aus Sitzungen.

Aus diesem einen Moment, in dem plötzlich nicht mehr zählt, was gesagt wird – sondern nur noch, dass jemand nicht aufhört.


Da ist jemand, der nicht loslässt.

Der nicht fragt, sondern sticht.

Der nicht interessiert ist – sondern beschäftigt.


Mit dir.


Und alles in einem will reagieren.

Sich drehen.

Sich erklären.

Ein letztes, gutes Argument finden – das alles beendet.


Als gäbe es dieses eine Argument.


Vielleicht liegt genau da der Irrtum.


Nicht in der Frage, wer recht hat. Sondern in der Hoffnung, dass Lautstärke irgendwann müde wird, wenn man nur klug genug antwortet. Wird sie nicht. Sie wird nur besser darin, gehört zu werden.


Vielleicht liegt hier ein Missverständnis, das wir ziemlich früh lernen: Dass Klugheit bedeutet, nachzugeben. Dass Größe bedeutet, sich zurückzunehmen. Dass derjenige, der nicht reagiert, automatisch verliert. Und gleichzeitig kennen wir diese andere, unbequeme Wahrheit: Dass, wenn die Klugen dauerhaft nachgeben, am Ende nicht die Klugheit übrig bleibt. Sondern der Lärm.


Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Geschichte kippt. Denn der Adler macht etwas, das zunächst fast wie Schwäche wirkt.


Er bleibt ruhig.


Er schlägt nicht um sich.

Er erklärt sich nicht.

Er führt keinen sauberen Diskurs auf dem Rücken einer Krähe.


Er verändert einfach die Richtung.


Nach oben.


Und je höher er steigt, desto dünner wird die Luft.


Ein Satz, den man schnell überliest.


Aber vielleicht ist er der eigentliche Kern.


Denn nicht jeder Konflikt wird durch Stärke entschieden.

Manche werden durch Höhe beendet.


Durch Abstand.

Durch Perspektive.

Durch eine Ebene, auf der das, was vorher laut war, plötzlich nicht mehr trägt.


Nicht, weil es besiegt wurde. Sondern weil es dort oben keinen Halt mehr findet.


Es gibt diesen leisen Gedanken, der sich durch viele alte Texte zieht: dass man nicht jede Schlacht kämpfen muss, um standzuhalten. Dass Sanftmut nichts mit Schwäche zu tun hat. Und dass es eine Form von Stärke ist, nicht auf jedes „Warum antwortest du nicht?“ hereinzufallen.


Vielleicht ist genau das gemeint, wenn von einem Frieden gesprochen wird, der nicht davon abhängt, dass es ruhig ist. Sondern davon, dass man sich nicht mehr in jedes Geräusch hineinziehen lässt.


Und irgendwann passiert etwas, das fast unspektakulär wirkt: Die Krähe kann nicht mehr.


Nicht, weil sie besiegt wurde. Sondern weil sie nicht dafür gemacht ist, so hoch zu fliegen und geht schlicht die Luft aus.


Das ist kein Triumph.

Kein Sieg.

Kein Moment, den man postet.


Eher eine stille Verschiebung oder Verabschiedung.


Und vielleicht ist genau das der Teil der Geschichte, der hängen bleibt: Dass nicht jede Auseinandersetzung eine Antwort braucht. Nicht jede Provokation eine Reaktion. Nicht jedes Geräusch Aufmerksamkeit. Manches erledigt sich nicht durch Gegenwehr. Sondern dadurch, dass man aufhört, auf derselben Höhe zu bleiben. Und vielleicht ist „drüber stehen“ kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Sondern von Entscheidung.


Am Ende geht es gar nicht darum, klüger nachzugeben. Sondern darum, klug genug zu sein, nicht dort zu bleiben, wo Lärm für Wahrheit gehalten wird.

 
 
 

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