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Radikale Akzeptanz

  • christophmatthes86
  • 6. Mai
  • 2 Min. Lesezeit

„Es ist, wie es ist“ gehört zu diesen Sätzen, die man belächelt, bevor man sie versteht.


Er klingt nach Aufgabe. Nach grauer Couch. Nach Küchenkalender mit Sonnenuntergang und abgestandenem Lebensratgeber-Kaffee. Nach Menschen, die aufgehört haben, sich gegen das Leben zu wehren.


Vielleicht macht genau das ihn so gefährlich.


Denn wenn man ehrlich ist, basiert fast unser gesamtes modernes Leben auf Widerstand gegen Realität.


Alles soll veränderbar sein. Optimierbar. Heilbar. Kontrollierbar. Für jedes Problem gibt es Konzepte, Coachings, Routinen und Menschen mit Podcast-Mikrofonen, die erklären, wie man endlich „sein bestes Leben“ lebt.


Der moderne Mensch hält kaum noch etwas einfach aus.


Stille nicht.

Warten nicht.

Ablehnung nicht.

Kontrollverlust nicht.

Endlichkeit nicht.

Und schon gar nicht die Erkenntnis, dass manche Dinge schlicht nicht mehr zu ändern sind.


Also analysieren wir.


Die kaputte Beziehung.

Die verlorene Karte.

Die unbeantwortete Nachricht.

Den falschen Satz.

Den verpassten Moment.


Stundenlang. Tagelang. Manchmal jahrelang.


Als könnte genügend Nachdenken Realität umschreiben.


Kann es aber nicht.


Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das viel radikaler ist als positives Denken oder Selbstoptimierung: radikale Akzeptanz.


Nicht dieses weichgespülte „alles passiert aus einem Grund“. Nicht spirituelle Wattebäuschchen für Menschen mit Räucherstäbchen und Morgenroutine. Sondern die brutale Anerkennung dessen, was ist.


Die Ehe ist kaputt.

Der Dispo am Anschlag.

Die Schokolade ist aufgegessen.

Das Auto springt nicht an.

Der Mensch antwortet nicht mehr.

Der Körper wird älter.

Die Zeit vergeht trotzdem.


Es ist, wie es ist.


Nicht als Kapitulation. Sondern als Ende des inneren Krieges gegen Tatsachen.


Denn vielleicht liegt genau dort die eigentliche Krankheit unserer Zeit: dieser zwanghafte Widerstand gegen Realität.


Wir diskutieren mit dem Wetter, als hätte es uns persönlich angegriffen. Wir streiten mit Vergangenheit, als würde sie sich nachträglich korrigieren lassen. Wir führen Prozesse gegen Menschen, weil sie nicht die Rolle spielen, die wir ihnen in unserem Kopf längst geschrieben haben.


Und nennen das dann Reflexion.


Vielleicht ist es oft einfach nur Unfähigkeit zur Akzeptanz.


Das klingt hart. Fast beleidigend hart.


Weil es den modernen Mythos zerstört, man müsse nur genug verstehen, um Frieden zu finden.


Vielleicht stimmt genau das nicht.


Vielleicht entsteht Frieden nicht durch Kontrolle. Nicht durch Analyse. Nicht durch ständige Selbstbearbeitung. Sondern dort, wo man aufhört, alles bekämpfen zu müssen.


„Herr, gib mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“


Vielleicht ist das kein frommer Kalenderspruch. Vielleicht ist das eine der radikalsten Lebensideen überhaupt.


Denn sie bedeutet: Nicht alles braucht Widerstand. Nicht alles braucht Diskussion. Nicht alles braucht Aufarbeitung. Nicht jede Kränkung verdient Aufmerksamkeit. Nicht jeder Kontrollverlust ist ein Problem.


Vielleicht besteht Reife nicht darin, immer mehr Einfluss auf das Leben zu bekommen.


Sondern immer weniger Krieg gegen das zu führen, was außerhalb des eigenen Einflusses liegt.


Und vielleicht ist genau das Zu-Frieden-heit.


Nicht Glück.

Nicht Dauerlächeln.

Nicht ein perfektes Leben.


Sondern ein Mensch, der aufgehört hat, Realität erst korrigieren zu wollen, bevor er sich erlaubt, in ihr zu leben.


Vielleicht beginnt Freiheit genau dort.


Mitten im Unperfekten.

Mitten im Kontrollverlust.

Mitten in diesem fast beleidigend einfachen Satz:


Es ist, wie es ist.

 
 
 

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